Medizin im Ausland – Time to step out

Die Entscheidung ins Ausland zum Medizinstudium zu gehen, war nicht unbedingt leicht.
Vor 2 Jahren plagten mich viele Zweifel, ob dass denn die richtig Entscheidung ist. Denn in Deutschland schien es kein Weiterkommen in nächster Zeit zu geben, außer über eine abgeschlossene Berufsausbildung und/oder Wartezeit. Beides kam für mich aber nicht in Frage.

„Aber warum denn ins Ausland?“

Ich wollte nicht etwas anfangen, auf das ich weder Lust noch Motivation hatte,  noch hatte ich groß vor, erst Mitte 30 überhaupt mein Studium zu beenden und dann noch mal drei bis fünf Jahre, je nach Fachrichtung, meine Assistentenzeit zu machen. Was wäre mit Familienplanung und allen anderen Lebensvorstellungen? Nein, beides war keine Option für mich. Der Weg führt also ins Ausland.

Also bewerben im Ausland als ZVS- und NC-Flüchtling. Irgendwann hatte ich meine Liste mit den Universitäten fertig, die für mich in Frage kamen: Pécs, Budapest, Riga, Prag, Brno und Bukarest.

Aber wie kam diese Zusammenstellung der ausländischen Uni’s überhaupt zustande? Von Pécs hatte ich schon viel Positives gehört und diese Stadt war nicht so groß, wie beispielsweise Budapest, was für mich eine Zweitoption war. Vorteil bei den beiden ungarischen Universitäten war die Tatsache, dass die Unterrichtssprache Deutsch ist. Riga hatte auch gute Bewertungen, war aber in Englisch. Ebenso auch Prag, was aber deutlich näher gewesen wäre, Bukarest und Brno, die ebenfalls einen sehr guten Ruf innehat. Ich hatte mich zwar auch in England und den Niederlanden kundig gemacht, aber ich besaß kein gefordertes Englisch-Sprachzertifikat und Zeit neben meiner FSJ-Tätigkeit und der TMS-Vorbereitung hatte ich für einen Sprachkurs nicht. Das sollte dann der Plan C werden.
So hatte ich meine Uni-Liste und zeitig im Jahr gingen die einzelnen Bewerbungen an die Unis. Viele verlangten spezielle Auswahl-Tests, anderen genügten Unterlagen für die Entscheidung.

Und die Zweifel tauchen auf

Und als ich dann für Pécs die Zusage bekommen hatte, war ich überglücklich, denn dies war meine Wunsch-Uni und meine erste Wahl für ein Auslandsstudium. Nicht zu groß mit 44.000 Einwohnern, einen guten Ruf in Studium und Forschung und die Unterrichtssprache in Deutsch.
Aber neben aller Vorbereitung und Abklärung für eine Abreise und den Start in einen neuen, total fremden Lebensabschnitt, ohne Garantie nach Deutschland wechseln zu können und somit auf eine Leben im Ausland, deren Sprache man nicht spricht und realistisch gesehen auch nicht allzu schnell lernen wird, war stets von vielen Zweifeln begleitet.

Was würde dort alles auf mich zukommen? Wird es schwer sein? Was ist mit meinen Freunden und Familie in Deutschland? Was wird sich da ändern? Werde ich vor Heimweh vielleicht alles in den Sand setzen und wieder nach Deutschland gehen?  Wie wird es finanziell gehen? Kann ich das meiner Familie überhaupt antun? Werde ich schnell wechseln können? Habe ich überhaupt eine realistische Chance auf einen Wechsel? Werde ich überhaupt zurecht kommen?

Oder: Ist dieses Studium all die Entbehrungen und Anstrengungen überhaupt wert? Ginge es nicht auch anders?

Anders, dies hätte sicherlich nur „einfach“ bedeutet. Klar, ich hätte einfach meine Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin im nahen Kreiskrankenhaus machen können, Geld verdient und Spaß hätte es sicher auch gemacht. Es wäre einfacher gewesen und um vieles billiger. Aber war das der Weg, den ich gehen wollte? Das was ich wollte? Nein. Ich habe es mir nie einfach gemacht. Und ich setzte immer das um, was ich einmal begonnen habe. Ausflüchte gibt es nicht. Außerdem war ich nun einmal so weit gekommen, ich hatte eine Zulassung meiner Wunsch-Uni.

Die Reaktion meiner Freunde und meiner Familie war sehr unterschiedlich. Gerade meine Eltern, meine Schwester und meine besten Freunde freuten sich sehr für mich und sie versuchten auch alle, mir mein Fortgehen so leicht wie möglich zu machen. Das war jedenfalls mein Eindruck. Meine Familie selbst war anfangs sehr geschockt, bis zuletzt habe ich mit verdeckten Karten gespielt gehabt. Aber meine Entscheidung wurde akzeptiert und unterstützt. Trotzdem gab es ab und zu Bemerkungen oder Geständnisse, dass ich doch bleibe sollte, wo mich dann immer ein schlechtes Gewissen beschlich. Manchmal muss man ein klein wenig egoistisch sein und seine Vorhaben einfach umsetzen.
Und wie sagte Nikolaus B. Enkelmann:
„Wer seine Wünsche liebt, kennt keine Zweifel!“

Also auf zu neuen Horizonten! Das war kurz vor meiner Abfahrt, dann das treibende Motto.
Denn so sehr ich Veränderungen herbeisehne und den Aufbruch ins Unbekannte mag, parallel verbleibe ich gern im alltäglichen Rhythmus und in der Gleichförmigkeit. Es klingt gegensätzlich, aber in diesem Moment vor zwei Jahren überwog die Neugier und der Drang nach anderen Wegen. Und aus der Angst und den Zweifeln wurden dann mit einmal eine Abenteuerlust, die mich bewog, einfach in diesem Moment etwas völlig neues zu beginnen: In Ungarn, in Pécs Medizin zu studieren!

Bisheriges Resümee

Und auch wenn es viel Arbeit und Selbstdisziplin bedeutet, habe ich diese Entscheidung, mit deren endgültigen Umsetzung ich vor der Abfahrt nach Pécs noch gehadert habe, nicht im Geringsten bereut.
Im Gegenteil, ich glaube sogar, dass dieser doch für mich große Schritt, nur positiv für mich selbst war. Ich habe hier neben einer neuen Kultur und Sprache mehr Offenheit, Lässigkeit und vor allem mehr über mich selbst unter Stress und Anspannung gelernt.

Schon nach dem ersten Semester hier in Pécs war ich hier endgültig angekommen und bezeichne es auch als mein zweites Zuhause. Die Lebensart hier ist in vielen Dingen entspannter als in Deutschland, sei es nur der Straßenverkehr oder Einkaufen. Mir gefällt die Stadt mit ihrem mediterranen Flair im Sommer und der Hauch von Nostalgie, den man hier überall findet. Ich fühle mich hier wohl, so richtiges Heimweh hatte ich nie. Auch das habe ich nicht zuletzt meinen lieben Mitbewohnern und Freunden zu verdanken.
Klar, wenn man dann mal wieder in der Heimat in Deutschland ist, dann fällt der Abschied schwer.
Aber auch das Ankommen ist manchmal nicht einfach. Mir geht es zumindest immer so, denn man selbst ändert sich, aber gleichzeitig bleibt die Zeit in Deutschland nicht stehen und bei Familie und Freunden ändert sich ebenso sehr vieles, manchmal weiß man davon, manchmal wird man davon überrascht. So hat man dann doch ab und an das Gefühl, ein wenig den Anschluss zu verlieren. Aber so ist der Lauf der Dinge, entweder passt man sich an oder verliert nur mehr seine lieben Daheimgebliebenen. Umso wichtigen sind dann die Stunden oder Tage, die man mit der Familie und seinen Freunden verbringt.

 

Wer ebenfalls vor der Entscheidung steht, einen persönlich großen Schritt beispielsweise ins Ausland zu wagen, dem möchte ich noch einen kleinen Rat geben:
Trau dich, lass dir nichts reinreden und sei ein Quäntchen egoistisch!
Es ist eine große Herausforderung an der man gleichermaßen wachsen kann und die Zeit und die Weggefährten, die Dich begleiten, werden Dir immer in Erinnerung bleiben.

„…time to step outside…“

 


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About the author

Lisa
Lisa

Hallöchen, ich bin Lisa.
Seit 2013 studiere ich in Pécs Medizin. Neben dem hohen Arbeitspensum im Studium schreibe ich auf dieser Homepage über mich, mein Studium und was mir sonst so durch den Kopf geht.

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